KINDER DER WELT

Daniel S.
(XRayFusion)


Jeder muß selber den Bogen kriegen,
Der kommt hier unverkrümmt nicht raus.


Was ist mir alles so egal?


Aber die packen‘s nicht mehr.
Die schaffen‘s nicht, rechtzeitig schlafen zu gehen.
Das Sabbern find ich immer so geil,
Da steckt doch soviel Liebe drin,
Und er wacht nicht auf.
Was da so alles passieren kann,
Der Kopf überm Lokus, mich erbrechen.


Kinder der Welt,
Was hast Du aus ihnen bloß gemacht?
Die Lage spitzt sich zu.


Das Erbe der Atompolitik:
Ich sehe alles schon in Strahlen.
Das Übel kann ja noch bewirtschaftet werden
Durch den einzelnen zumindest.
Wow!
Welch ein Gefahrenpotential.
In zehn Jahren passiert ein riesiges Ding. [1]



[1]

Fukushima-Prophetie &
Radioaktive Latenz


Chronopathologische Koinzidenz und nuklearhistorische Diskursanalyse.


Das Gedicht „KINDER DER WELT“ entstand am 04.03.1997 im Rahmen einer Live-Lyrik-Session (Daniel S. als künstlerischer Protokollant im Dialog mit OscarTheFish(p@k)). Die finale Zeile „In zehn Jahren passiert ein riesiges Ding“ markiert eine signifikante zeitliche Vektorberechnung innerhalb der Patholyrik. Zwar ereignete sich die Nuklearkatastrophe von Fukushima (Level 7 auf der INES-Skala) erst im Jahr 2011 – und damit etwa 14 Jahre nach der Niederschrift –, doch wissenschaftlich-phänomenologisch lässt sich die Vorhersage als Antizipation einer systemischen Instabilität lesen. Die „Strahlenbelastung“, die bereits 1997 im Diskurs visualisiert wurde („Ich sehe alles schon in Strahlen“), verweist auf das biopolitische Erbe der Atompolitik des 20. Jahrhunderts. Die zeitliche Differenz von 1997 bis 2011 entspricht nahezu exakt der durchschnittlichen Latenzzeit für strahleninduzierte Gewebeveränderungen beim Menschen, was die „Bewirtschaftung des Übels“ durch den Einzelnen zu einer prophetischen Notwendigkeit erhebt. Dass die Katastrophe (Fukushima Daiichi) durch ein Seebeben ausgelöst wurde, schließt zudem den metaphorischen Kreis zu den „Perlen im Wasser“ und dem „Neptunismus“ (Gedicht „MONDFAHRT INS NICHTS“) aus dem zeitgleich entstandenen Werkzyklus der XRayFusion. Die prophetische Ungenauigkeit von vier Jahren unterstreicht hierbei nicht den Irrtum, sondern die arithmetische Reibungskopplung zwischen lyrischer Intuition und realhistorischer Entropie.